Schriftstellerin Viola Taraz

Vergiss nicht nach oben zu schauen.

Viola Taraz nach Motiven des Albums «DON’T FORGET TO LOOK UP» by Shmolan, 6 Tracks: hundredz, gezbo, blu fish, ducks walk because cabs don’t stop fort hem, forgor 2 look up, if the plane doesn’t work try the elevator.

 

 

https://on.soundcloud.com/AcCy82CNByTntX8K7

HUNDERTE

Hunderte Gehende, Kauende, Eilende, Schreiende, Sprechende, Vorüberziehende,
Besorgte, Versumpfte —
keine Löwen, keine Adler, keine Rebhühner,
keine gehörnten Hirsche, keine Spinnen,
keine schweigsamen Fische —
Menschen.

Hunderte Gebäude, Aufgaben, Verspätungen, Weissagungen
im Wirbel der Dinge —
nicht der weissagenden Zecken.

Sie hasten, erstarren, verklumpen, verziehen sich,
Hunderte auf Hunderten von hundertfältigen Waben —
nicht aus Honig, sondern aus Wänden.

Das Tempo des Kreisens,
in Pfützen keine Sterne,
Laternen ohne Mond,
Monde ohne Dunkel.

Schieflage.

Schreie, Ketten,
windige Augenblicke,
die Welt der Gehenden, Kommenden, Murmelnden,
Eiligen — ins Nichtsein.

Zu vollziehen.

Hunderte und Hunderte
im Takt der Tage,
im unaufhaltsamen Rutschen der Zeit —
eine Stadt der Schatten.

Angst — nicht Angst,
Kälte — nicht Kälte,
Leere in der Leere —
Wirbel der Dinge.

Ohne Umstände.


GEZBO

Und wer bin ich?
Und wo?

In Schichten von Ablagerungen
ein einsames Mückensurren.
Oder keine Mücke.
Oder doch — aber kein Surren,
sondern ein langgezogener Chor von Stimmen.

Bin ich viele?
Ist das ein Chor von Mücken?

Nein —
das ist ein Chor von Stimmen
in mir allein.

Ich bin einer.
Doch in mir — viele.

Was?

Auf der Suche nach der Anleitung
zu mir selbst.

Ich suche lange.
Ich finde sie.
Ich lese.

Doch das bin nicht ich.
Das ist die Mücke.

Und ich?

Im Anschwellen der gezogenen Klänge
singender Schalen
taucht ein Placebo auf
und erleuchtet:

Ich bin Gezbo!

Gezbo, Gezbo…
merken.

Gemerkt.

Nicht chorisch —
sondern echohaft:

Geee-ezbooo…


DER BLAUE FISCH

Der durchdringende Klang meiner Stimme
stürzt mich
in Tiefen der Unaussprechlichkeit.

Irgendwo in der Nähe
schwimmt ein blauer Fisch.
Oder ein azurfarbener.

Etwas bläut sich
in meinen Tiefen.

Wäre der Fisch golden,
würden sich die Tiefen vergolden,
und er würde meine Wünsche erfüllen.

Doch ich habe keine Wünsche.

Darum ist der Fisch blau.
Oder himmelblau.
Tiefen-taubenblau.

Fliegend.
Leuchtend.

Seinem Flug folgend
weichen die Wasser —
werden blau —
öffnen sich.

Ich tauche auf.

Und am Ufer
gehen Enten —
weil die Taxis nicht anhalten.


ENTEN GEHEN, WEIL TAXIS NICHT ANHALTEN

Warum?

Warum gehen sie —
oder warum halten sie nicht?

Was für Fragen.

Ich muss lachen.

Die Enten watscheln
von einer Seite zur anderen.
In zwei Richtungen.

Warum nicht in vier?

Damit die Taxis nicht anhalten?

Doch die Enten wollen nicht ins Taxi.
Aber die Taxis wollen Enten.
Wollen ihr Watscheln —
um selbst zu verwatscheln.

Doch sie halten nicht an —
also fahren sie,
ohne zu watscheln.

Die Enten aber
watscheln und gehen.

Sie sind fähiger.

Die Taxis beneiden sie —
halten aber nicht an.

Die Enten auch nicht.
Sie watscheln weiter.
Schwingen von Seite zu Seite.

Ich lache.
Es ist lustig.

Warum?

Weil ich selbst sitze?

Ich gehe nicht,
ich fahre nicht.

Ich sitze am Ufer
und hüte
die nicht fahrenden,
doch gehenden Enten,
die ihrem watschelnden Glück entgegeneilen.

Ich watschele auch.
Im Sitzen.

Lustig.

Die Enten lachen auch.

Doch die Taxis —
in bremsloser Traurigkeit —
können nicht anhalten.

Kraftlosigkeit.

Das habe ich sie wohl verrückt gemacht.
Vielleicht.

Und dann —
habe ich vergessen, nach oben zu schauen…


VERGESSEN, NACH OBEN ZU SCHAUEN

und — krach-tarrach.

Ein Zusammenbruch.
Nicht taxisch —
sondern toxisch.

Ich verliere den Halt.
Oder das Ufer.

Taxis fahren von allen Seiten auf mich zu.
Seiten sind viele.
Mehr als vier.

Die Enten haben Mitleid.
Doch ihrer sind wenige —
die Taxis mehr.

Und mir ist lustig.
Warum auch immer — immer noch.

Und es tut weh.
Doch der Schmerz ist seltsam
nicht toxisch.

Taxisch?

Ins Glück hinüberwatschelnd.
Also entenhaft.

Doch ich bin keine Ente.

Wer dann?

Sicher nicht Gobseck.
Und nicht Jay Gatsby —
schon gar nicht der Große.

Und kein Mückensurren.

Eine singende Schale?
Von Mücken…

Ich muss nach oben schauen
und mich finden.

Doch ich kann nicht schauen.

Eine kreischende Reihe von Taxis
verstellt den Horizont.

Vor meinen Augen —
ein brennender Regenschirm.

Ich muss fliegen.
Dorthin. Hinter ihn.

Wenn es mit dem Flugzeug nicht geht —
versuche ich es mit dem Aufzug.


WENN ES MIT DEM FLUGZEUG NICHT GEHT, VERSUCH ES MIT DEM AUFZUG

Metallisches Kreischen,
Zähneknirschen.

Ein Knirschen des Aufstiegs.

Ich steige.
Oder werde gehoben.

Das metallische Geräusch
formt sich zu einem Aufzug,
der mich nach oben trägt.

Hinter den brennenden Schirm.
In den Horizont.

Brenne, brenne hell —
damit du nicht erlischt.

Der Horizont erlischt nicht —
denn ich bin Gezbo.

Nicht Gobseck.
Nicht Holzfäller.
Nicht Gatsby —
schon gar nicht der Große.

Das ist der Große Gatsby.
Und der Holzfäller ist aus Eisen.
Und übrigens — sympathisch.

Doch ich bin kein Holzfäller,
auch wenn ich aus Eisen klinge.
Ich möchte nur sympathisch sein.

Vielleicht ist es nur
das eiserne Knirschen der Zähne.

Oder metallisch.

Doch ich — bin Gezbo.

Und mir ist leicht,
weil die Enten bei mir sind.

Nicht-taxisch.

Die Taxis sind fort —
doch nicht hinter den Horizont,
sondern in den brennenden Schirm.

Brenne, brenne, Schirm —
damit die Sehnsucht schweigt…

Ich schaue nach oben —
und in den Tiefen
des ozeanischen Himmels
sehe ich blau werdende Fische
im goldenen Licht
einer lächelnden Sonne.

Ich lächle zurück.

Fische sind viele.
Mehr als Enten.

Hunderte.

Hundert auf Hundert —
wie Taxis,
die auf den brennenden Schirm zustürzen.

Auf mich?

Nein.

Ich bin Gezbo —
getragen vom Aufzug
in den Horizont
des watschelnden Glücks.

Entenhaft?

Nein.

Mein eigenes.