Schriftstellerin Viola Taraz
Live an einem ungenannten Ort
Reaktion auf das Album von Rolan Eberhardt
Live.
Irgendwo.
Oder nirgends.
Ein Ort ohne Namen
eine Stunde ohne Zahl
und doch —
du bist eingeladen.
Vielleicht erinnerst du dich:
man verfehlt sich
und verabredet sich neu —
am selben Ort
zur selben Zeit
nur —
diesmal sagt dir niemand
wo
und wann.
Denn das ist das Geheimnis:
Es geschieht überall.
Es geschieht immer.
Es ist lebendig.
—
Sieben Spuren —
doch nur drei halten sich fest.
Drei Pfeiler
drei Atemzüge
Thema
Verlust
Rückkehr
und dazwischen —
Strömungen.
Keine Elektronik
nur ihr Hauch,
ihr Schatten
ihr Flirren im Timbre.
Eine Stimme
bis zur Unkenntlichkeit gedehnt —
nicht Effekt,
sondern Schleier:
Der Ort bleibt verborgen.
—
Und genau in der Mitte —
Freiheit.
Die eine.
Kein Chaos —
nur die Erinnerung daran,
wie Chaos sich anfühlen könnte.
Schlagzeug beginnt.
Ruft.
Trompete antwortet.
Saxophon widerspricht.
Bass sammelt Fragmente.
Dann —
Gitarre und Synthesizer
kein Chor —
ein Zerfall in Stimmen
die dennoch zusammen atmen.
Und seltsam:
keine Angst.
Nur
Freude
am Ungeformten.
—
Alles fließt.
Kein Anfang
kein Ende
nur Übergänge
ohne Atemholen
attacca —
wie Gedanken
die sich nicht unterbrechen lassen.
—
Ein Zweig.
Er wächst
er spaltet sich
er erinnert sich an Bemsha Swing —
doch langsamer
schwerer
tiefer
nicht zur Ruhe kommend
auf der Dominante verweilend
wie ein Satz
der sich weigert
zu enden.
Trompete steigt.
Saxophon erdet.
Die Linie wird sichtbar:
Verzweigung.
—
Dann:
Milchsuppe.
Kindheit.
Kreise.
Zwei Stimmen zugleich —
eine nervös
eine umhüllend
und am Ende
das langsame Auslöffeln
der letzten Erinnerung.
—
Und wieder:
Freiheit.
—
Dann:
Geschlossene Augen.
Eine Minute
die keine Zeit misst
nur Puls.
Links.
Am Brustbein.
Dort
wo das Herz nicht fragt
sondern schlägt.
—
Das Ende?
Ein Verlöschen.
Pentatonische Spuren im Raum
Bass und Schlagzeug
flackern noch einmal auf
und dann —
Stille
die nachklingt.
—
War es?
Es war.
Und bleibt
als verzweigtes Gefühl
als milchige Traurigkeit
im Raum der linken Brust
bei geschlossenen Augen.
—
Kein Drama.
Keine Geschichte.
Nur
Eintauchen.
—
Drei Wege des Ichs:
Wachsen
Erinnern
Erkennen
—
Und irgendwo
ohne Namen
zur selben Stunde
die keine ist
hörst du es wieder:
lebendig.
Tatjana Worm MUSIKSCHULE
MUSIKTHEATER