Musikwissenschaftlerin Tatjana Worm

Rap jenseits der Gesetze des Rap

Rezension über das Album "Man of average Nature" von Kenai Shogun und Jambal, Luxemburg

Der Titel des neuen Albums „Men of Average Nature“ des Rappers Kenai Shogun und des Jazz-Ensembles Jambal ruft zunächst ein Lächeln hervor, dann Interesse – und schließlich fesselt er durch die reiche instrumentale Palette (Stimme, Trompete, Vibraphon, Gitarre, Bass, Schlagzeug, Synthesizer, E-Piano) sowie durch eine für Rap ungewöhnliche Struktur.

Doch wirklich beeindruckend sind die Texte – durch die Kraft und Tiefe ihrer Aussage.

Mehr noch: Wer in diese Texte eintaucht, entdeckt neue Dimensionen der instrumentalen Textur selbst. Die Musik begleitet nicht und illustriert nicht – sie erschafft einen mehrdimensionalen Raum, in dem unerwartete Bilder entstehen. Die Instrumentalität verdoppelt das Wort nicht – sie entwickelt sich mit ihm, führt es weiter, beantwortet mitunter die gestellten Fragen und verwirklicht das Ersehnte.

Hier begegnen wir Rap, der nicht nach den Gesetzen des Rap geschaffen ist.
Eine Freiheit des Ausdrucks, die nicht von der Form, sondern vom inneren Gehalt bestimmt wird.
Eine Dramaturgie, die das Gewohnte und Normale hinwegfegt.

Das Alltägliche?
Gerade das Alltägliche.

Über das Gewöhnliche – ungewöhnlich.
Das ist es, was anzieht und nicht mehr loslässt.


Gewöhnlichkeit als Kampffeld

Gewöhnlichkeit ist das erklärte Thema des Albums.
Gewöhnliche Ängste.
Das gewöhnliche Streben, sie loszuwerden.
Die gewöhnliche Revolte gegen Mittelmaß und Durchschnittlichkeit.

Es ist der Versuch eines durchschnittlichen Mannes, sich zu befreien –
vom Bürger zum Nicht-Bürger.


Start like This – der Auftakt

Zu Beginn ist der Held „durchschnittlicher Natur“ noch mit einem „Gehirn an der Leine“, doch er formt bereits Rap als Mittel, sein Schicksal zu gestalten – kein durchschnittliches Schicksal.

Auf seinem Weg stehen Ängste, die ihn „verhaften“ wollen. Er „erschießt den Sheriff“, verschont jedoch den Deputy. Ein halber Schritt. Die Angst bleibt.

„Gib einem Menschen etwas, das er nicht verkaufen kann.
Gib ihm ein Ziel.
Lass die Wahrheit nackt laufen, nicht im Kettenhemd.“

Das Kettenhemd ist hier kein Schutz, sondern Symbol der Angst.

Und plötzlich – über dem brodelnden Vibraphon, der Gitarre, dem Bass und den Drums – erklingt eine melodische Trompete, die in sternenklare Weiten ruft. Der Raum öffnet sich. Der Held bricht aus dem gewohnten Kreis des Alltäglichen aus.

Der Anfang ist gemacht.
Doch die Ängste sind noch nicht besiegt.


Talassophobie – Angst vor der Tiefe

Im zweiten Track leidet der Held unter der Angst vor der Tiefe – und zugleich empfindet er Abscheu vor dem Flachen.

Wie existiert man in einem solchen Zwiespalt?
Wie lebt man in der Diktatur eigener Gegensätze?

„Wenn das Herz schwer ist, kann man keine Symphonie spielen“, sagt der Rapper.
Doch eine Symphonie erklingt.

Im instrumentalen Nachspiel führt ein zurückhaltender Bass, begleitet von vibraphonischen „Glocken“, in bodenlose Weiten. Die Angst tritt zurück. Staunen vor der geöffneten Weite entsteht.

Die Befreiung ist geschehen.
Nicht ausgesprochen – gespielt.
Nicht bewusst – sondern unterbewusst.


Typbeat – Rückkehr in den Alltag

Der dritte Track: Typbeat. Ein Beat ohne Stil?

Das instrumentale Fundament ist vertrauter Trap – bequemes Terrain. Der Rapper improvisiert, spielt mit Worten und Bedeutungen, ironisiert Typisches und Alltägliches.

Rückkehr ins Durchschnittliche?
Vom Sein ins Funktionieren.

Wenn der Beat zum Alltag wird
und Worte nur noch Spiel.

Die Tiefe zieht sich zurück. Das Flache „beatet“.
Doch diese Gewöhnlichkeit ist bereits ironisch gebrochen –
und der nächste Track sprengt sie.


Fair & Well – Revolte und Name

Fair & Well verwandelt sich im Refrain in farewell – Abschied.

Revolte der Persönlichkeit auf der Suche nach Identität.
Gegen die „Bidens“ – gegen die Grauzonen.
Im Gegensatz dazu die „Sankaras“ – Persönlichkeiten im ewigen Kreislauf der Samsara.

Der Schmerz einer Narbe in Form des Buchstabens „Z“.
Brasilien mit „S“ – nicht mit einem aufgezwungenen „Z“.
Im Buchstaben liegt Identität.

„Um die Handlung zu verschieben, braucht es nur einen Bleistift und die Kühnheit, ihn zu drücken.“

In der Kulmination sammeln sich dissonant-chaotische Instrumente unter Führung der Trompete und zerstören die ungerechte Welt.

Im Sand erscheint ein Name.

„Mein Name steht im Sand,
und der Stein, der aus der Erde wuchs, bewahrt die eingravierte Wahrheit.“

Danach bleibt nur eine instrumentale Interlude – Moan.
Ein Atemzug.
Eine Pause.


Haunt Me, Curse Me – das Phantom

Beschwörung eines Phantoms.
Nostalgie nach Nicht-Sein.

Ein langes instrumentales Intro wie ein eigenständiges Stück. Die schwebende Trompete verschwindet – zurück bleibt ein magnetischer, synthetisch verfremdeter Bass. Bedrohlich und zugleich anziehend.

Das Phantom ist bereits da.
Doch der Held ist im Trancezustand:
„Erscheine. Verfolge mich.“


Clon Cherry – eine Ode an den Bass

Der siebte Track ist ein Dialog mit dem Bass.

Unsichtbar – und doch unverzichtbar.
Basis. Fundament. Nerv.

Minimalismus, ostinate Wiederholung.
Wenig – und doch viel.

Ein Hymnus auf die Tiefe.
Ein Hymnus auf die, die gegangen sind und doch bleiben –
in den tiefen Frequenzen der Erinnerung.


Finale – Bewegung

Auch der achte Track ist von einem Ostinato getragen – doch hier bedeutet es Weg.

„Ich bin Kapitän – von Sand oder Meer, doch nicht von Dickicht.“

Das Rezept gegen Gewöhnlichkeit ist Bewegung.

„Der Pfad macht Angst – ja, aber Stillstand ist schlimmer.“

Der Ruf „Leva eu!“ – „Nimm mich mit!“ – und eine verlangsamende Postlude.

Die Angst bleibt – doch die Bewegung auch.

Ein Licht bewahrt den Helden.
Und dieses Licht ist ein gewöhnlicher Seemann, der nicht stehen bleibt.

Kenai Shogun – rebellisch und leuchtend – findet Halt im „gewöhnlichen“ Menschen, der weitergeht, selbst wenn die Kraft schwindet.

Das Album bricht ab – doch es klingt im Hörer weiter.
Es drängt zur Bewegung.
Zum ewigen Widerstand gegen Grauheit.

Die Instrumentalisten von Jambal verleihen diesem Jazz-Rap symphonische Größe.

Men of Average Nature ist ein Ereignis.
Und alles andere als gewöhnlich.

Bravo.