Musikwissenschaftlerin Tatjana Worm
“Live at Undisclosed Location”
Rezension auf das Album von Rolan Eberhardt für Saxofon, Trompete, E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und zwei Synthesizer
Der Titel „Live-Auftritt an einem ungenannten Ort“ entfaltet eine eigentümliche Anziehungskraft und zugleich ein Moment des Rätselhaften. Er wirkt wie eine Einladung ins Unbestimmte – oder in ein „denselben Ort zur selben Zeit“, dessen Koordinaten jedoch bewusst verschwiegen werden.
Gerade diese Offenheit ist konstitutiv: Das Live-Ereignis ist prinzipiell überall und jederzeit möglich – seine Essenz ist Spontaneität.
Diese Spontaneität strukturiert auch das Album. Von sieben ausgewiesenen Tracks sind lediglich drei vollständig fixiert; die übrigen erscheinen eher als konzeptuelle oder beschreibende Einheiten. Die drei fixierten Stücke folgen den klassischen Formprinzipien des Jazz: Exposition des Themas, Improvisation und Reprise. Diese drei formalen Säulen werden von sonor-aleatorischen Klangfeldern – Präludium, Interludium und Postludium – umgeben, die durch ästhetische Impulse elektronischer Musik inspiriert sind, ohne jedoch elektronische Mittel im eigentlichen Sinne zu verwenden.
Im Zentrum des Albums, im Goldenen Schnitt, steht die Komposition „Freiheit, eben diese“. Sie basiert auf aleatorischen Verfahren und erzeugt eine kontrollierte Form des klanglichen Chaos. Die Instrumente treten fragmentarisch in Erscheinung: zunächst Schlagzeug, dann dialogische Einsätze von Trompete und Saxophon, gefolgt von Bass und schließlich dem simultanen Eintritt von Synthesizer und Gitarre. Trotz der scheinbaren Unordnung bleibt die Entwicklung strukturell kohärent.
Das gesamte Album ist als kontinuierlicher Klangstrom konzipiert, dessen Teile attacca ineinander übergehen. Die sonoren Übergänge besitzen daher eine zentrale Bedeutung: Klangfarbe, Textur und Dichte dominieren über thematische Entwicklung.
Die erste Jazz-Komposition „Der Zweig“ basiert auf dem Standard Bemsha Swing von Thelonious Monk und Denzil Best. Die ursprüngliche AABA-Form wird beibehalten, jedoch erheblich transformiert: rhythmische Synkopierung, harmonische Verdichtung, Chromatisierung der Melodik sowie eine Erweiterung auf 32 Takte. Besonders bemerkenswert ist der Schluss auf der Dominante, wodurch die Form bewusst offengehalten wird. Ein kanonisches Verfahren zwischen Trompete und Saxophon erzeugt eine polyphone Struktur, die die Metapher eines sich verzweigenden Astes klanglich nachvollziehbar macht.
Das folgende Interludium führt zur zweiten Jazz-Komposition „Milchsuppe“, einer Originalkomposition. Hier werden zwei kontrastierende Themen simultan geführt: ein rhythmisch instabiles im Saxophon und ein fließendes, umhüllendes im Synthesizer. Die Improvisation entwickelt sich dialogisch und kulminiert in der Reprise beider Themen, die in ein ostinates Verklingen übergeht.
Nach der aleatorischen Zentralstruktur folgt die dritte Jazz-Komposition „Eine Minute mit geschlossenen Augen“. Diese wirkt als meditativer Höhepunkt des Albums. Die Klangfarbe ist homogen, die Instrumentation reduziert. Die Spielanweisung my left sternum verweist auf eine körperlich empfundene Wahrnehmung – die Konzentration auf die Herzregion als Zentrum der klanglichen Erfahrung.
Das abschließende Postludium löst das Geschehen in einem pentatonischen Klangraum auf und führt zu einem allmählichen Verklingen.
Das Album ist als einheitlicher lyrischer Klangprozess zu verstehen – nicht als dramatische Entwicklung oder narrative Struktur, sondern als immersiver Erfahrungsraum. Seine zentrale Kategorie ist die Poetik, verstärkt durch die bewusste Verweigerung konkreter Orts- und Zeitangaben.
Die drei Jazz-Kompositionen markieren dabei Stationen eines inneren Entwicklungsprozesses:
Ausgangspunkt („Der Zweig“), Rückkehr zum Ursprung („Milchsuppe“) und Selbstreflexion („Eine Minute mit geschlossenen Augen“).
So wird der Hörer – an einem unbenannten Ort, zu einer unbenannten Zeit – Zeuge eines lebendigen Eintauchens in ein klangliches Universum.
Tatjana Worm MUSIKSCHULE
MUSIKTHEATER